Unsere Zwillinge bei den Herren

Beim Handball-Landesligisten SV Schermbeck wird der Zusammenhalt sehr groß geschrieben: Kein Wunder bei gleich zwei Zwillingspaaren im Team.
Die Stimmung ist gut an diesem Dienstagabend im Dezember. Es ist das vorletzte Training der Landesliga-Handballer des SV Schermbeck vor der Weihnachtspause, und die Spieler freuen sich über die Tabellenführung. Noch steht das letzte Spiel der Hinrunde aus, das sie am Samstag nach Homberg führen wird, wo sie das Match und die Spitzenposition verlieren werden. Heute aber sind alle noch entspannt, allen voran die beiden Zwillings-Brüderpaare Nappenfeld und Bell. Die NRZ hat ihren Besuch angekündigt, entsprechend aufgekratzt ist die Stimmung. „Der Nils ist noch solo”, rufen die anderen drei dem Fotografen zu, als sie zum obligatorischen Pressefoto im Tor Aufstellung nehmen. „Schreiben Sie das bitte auf!”
Nils ist der eine der beiden Nappenfelds. Er ist 23 Jahre alt und offensichtlich auf der Suche nach einer Freundin. Nichts Ungewöhnliches in dem Alter. Sein Bruder Leon – logischerweise auch 23 Jahre alt – hat es da cleverer angestellt. Als der SVS im Sommer mit Stephan Schmücker seinen neuen Trainer bekam, und der zu einer Trainingseinheit auch noch seine Tochter Kim Christin mitbrachte, war es um ihn geschehen. Nur kurze Zeit später waren Leon und Kim Christin ein Paar. Wie der Coach das findet? Kein Problem, sagt er. „Seitdem ist das Trainerauto immer sauber.”

Die Brüder Nappenfeld gehören in Schermbeck zum festen Bestandteil des Handballs. Das Nils und Leon hier landeten, ist nicht verwunderlich. Zu groß ist die familiäre Vorbelastung der beiden. Schon der Papa war leidenschaftlicher Handballer, spielte zu seiner Zeit sogar noch Feldhandball. Und seine Zwillingssöhne waren als Babys bereits stets dabei, wenn er spielte oder trainierte. Mehr noch: Großvater Helmut Nappenfeld war einer der Mitbegründer der Schermbecker Handball-Abteilung. Und viele mehr aus der Familie waren und sind dem Klub und dem Sport eng verbunden. „Wir sind so groß geworden”, sagt Nils. „Und seitdem wir sieben sind, spielen wir auch selbst.”

Vater Bell schaffte es sogar bis in die Regionalliga
Das war in der Familie Bell ein wenig anders. Auch da gab es eine Vorbelastung in Sachen Handball. Doch Frederik und Niklas, beide heute 30 Jahre alt, ließen sich erst einmal nicht indoktrinieren und versuchten vieles. „Wir waren zwar immer beim Handball”, erzählt Niklas. „Aber wir haben auch Tennis und Tischtennis gespielt. Und am liebsten waren wir beim Fußball.” Das aber war in der Familie Bell nur schwer zu vermitteln. „Unser Vater hat uns immer unterstützt”, sagt Frederik. „Aber beim Fußball hat er uns klipp und klar gesagt, dass er sich auf keinen Fall bei Regen draußen an den Platz stellen würde.”

So kam es dann, dass auch die Bell-Brüder ihrem Vater Burkhard nacheiferten, der es sogar bis in die Regionalliga schaffte. Doch anders als die Nappenfelds, die schon von Geburt an in Schermbeck leben, kamen die Bells erst später zum SVS. Die beiden Brüder waren sogar mal ein halbes Jahr sportlich getrennt, als Niklas sechs Monate vor seinem Bruder nach Schermbeck zurückkehrte und sein Engagement in Dinslaken vor der Zeit beendete. Dort war damals ihr Papa Trainer. „Und das war nicht so einfach”, sagt Frederik, „weil das bei den Zuschauern nicht so gut ankam.”
„Weil die keinen mehr hatten, habe ich mich erbarmt“
Heute sind beide zurück an alter Wirkungsstätte. Frederik ist als ältester Feldspieler auch der Kapitän und Ansprechpartner Nummer eins für Trainer Schmücker, Niklas so eine Art Allzweckwaffe. Einerseits ist er ein überragender Torhüter im Kasten der Rot-Weißen, andererseits kann er aber auch am Kreis spielen, falls erforderlich. Zu seiner Position im Tor kam er übrigens durch Zufall. „Weil die keinen mehr hatten”, sagt er, „habe ich mich erbarmt.” Er habe aber schon beim Fußball angedeutet, dafür eine Begabung zu haben.

Für Nils und Leo Nappenfeld war stets Schermbeck die sportliche Heimat. Und während die Bell-Zwillinge beide schon fest im Lehrer-Beruf tätig sind, studieren die Jüngeren noch in Bochum. Sie ticken sehr ähnlich: Beide bauen ihren Master in Informatik, beide lehnen Fußball ab, beide leben trotz Studiums weiter daheim und sind Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr im Ort. Das klingt nach tiefer Verwurzelung.

Aufstieg? „Das kommt viel zu früh!“

Sie betonen aber auch, dass sie von Niklas und Frederik viel gelernt haben, schließlich waren die Bell-Brüder einst in der Jugend auch ihre Trainer. „Da schaut man sich viel ab”, sagt Leon. Und die Bells wiederum betonen, wie sehr ihnen der Spaß am Handball in Schermbeck zurückgegeben wurde. „In Dinslaken war uns das ein wenig abhanden gekommen”, sagen beide unisono. „Aber unter dem neuen Coach funktioniert das hier menschlich super. Der bindet uns alle ein, das finden wir sehr korrekt.”
Und das schlägt sich derzeit auch sportlich nieder. Die Mannschaft spielt nach der ersten Halbserie ganz oben mit. Vom Thema Aufstieg wollen aber alle vier nichts wissen. „Das kommt viel zu früh”, sagt Nils. „Die Mannschaft ist nach vielen Abgängen im Sommer komplett neu zusammengestellt worden.” Vom Vorstand war das Ziel ohnehin deutlich kleiner ausgegeben. „Klassenverbleib”, so hieß es seitens der SVS-Verantwortlichen. Der sollte bei einem Zwischenstand von 20:6-Punkten längst geschafft sein. „Jetzt schauen wir halt von Spiel zu Spiel”, sagt Frederik Bell. „Dann werden wir sehen, was am Ende dabei herausspringt.”
Klausuren statt Handball-WM in Deutschland
Für die Nappenfelds ist der sportliche Erfolg ohnehin von untergeordneter Bedeutung. „Uns ist es viel wichtiger, mit den Leuten hier Spaß zu haben, als unbedingt eine Klasse höher zu spielen”, sagt Leon. Und Nils ergänzt: „Wir quatschen hier nach jedem Spiel und nach jedem Training und gehen auch mal gemeinsam ein Bier trinken.” Von eventuellen Wechselabsichten wollen alle vier nichts mehr wissen. Selbst der große Handball im Lande ist da nur von marginalem Interesse. Wenn im Januar die Weltmeisterschaft in Deutschland stattfindet, sitzen die Schermbecker Jungs wohl nur vor dem Fernseher. „An der Uni stehen Ende Januar Klausuren an”, sagt Nils. „Zudem fehlt uns armen Studenten das nötige Kleingeld für die Tickets.” Und dann müssen sich alle gemeinsam noch darum kümmern, dass sich Nils endlich von seinem Solodasein verabschiedet.

NRZ vom 23.12.2018

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